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 Peter Zwey

Marjana Gaponenko „Nachtflug“

 

Es ging wie im Schlaf eines Tages, ich schlug diesen Band mit Gedichten auf, las zwei Bilder, war sofort betrunken davon, erholte mich, schlug die Seiten wieder auf und wurde nicht klug. Meine Torheit aber tanzte im Rausch dieser Bilder. In dieser sternklaren Nacht der Gedichte. Mein Verstand ließ mir lauter Auswege, aber kündigte der Soflöse, die ohnehin umsiedeln wollte, auf meine Bleistiftspitze. - Alles schien mir plötzlich ins Aside gesprochen und doch im Ziel eingetroffen; ein Gefühl wie das Schwarze neben der Welt höchst wahrscheinlich. Aber mit den Orten hatte nichts mehr die verkehrte Ordnung, sie folgten neuen Plänen und einem Kartografen, der auch das Jenseits mit einbezog.  Denn wo sonst denn in der Ewigkeit

 

„trägt die Zeit uns wie Welpen im Maul. „

 

dort spricht auch eine Stimme :

 

„ sag: ‚Dunkelheit’ und etwas wie ein Funke

fällt Dir aus dem Mund.“

 

Etwas wie ein Funke, eine verwandte Erscheinung, die gut singen kann:

 

„ es bauschen sich die Wolken in den Kleidern.

Wer gehen wollte, fliegt zum Wald“

 

Scheinbar ganz bekannte Dinge folgen neuen Weisungen, verwandeln sich in Vorgängen, die bisher mit diesen Dingen nicht überein kamen. In Utopia aber, im Wald der plötzlich auffliegenden Fußgänger geht es endlich mit rechten Dingen zu, auf die man in der Fremde solange wartet schon. Vieles geschieht in einem märchenhaften Aufwind plötzlich und doch im Tempo des Wunders im Sinn.

Das ist ein Grundgefühl in den Gedichten Marjana Gaponenkos, dass man sich befreit fühlt von den falschen Diskursen des Verstandes und der Schulpflicht. Es ist grundsätzlich hitzefrei, eine Atmosphäre der Freiheit weht überall, die Schwerkraft ist außer Dienst, die alltägliche Not wohl ans Meer verreist oder sonst wohin, Urlaub einmal. Warum denn auch nicht. Die Dichterin Marjana  Gaponenko glaubt nicht an die Welt der Norm und der gewöhnlichen Formate, sie bricht von woanders her auf in ihren riesigen Gartens voller Mundarten und Metaphern. Redewendungen blühen darin und Vergleiche schaffen eine neue Ordnung, die niemand ausschließt, nicht einmal die Tiere, selbst Sterne rollen darin herum und gefährden kein Geschöpf. Ein Urfriede ist ausgebrochen bzw. wieder hergestellt allein durch die ungeheure Kraft des Worts.

 

Ich höre die Schritte des Regens.

Über die Baumspitzen eilt er zu uns.“

denn, so heißt es anderwärts in einem der Gedichte gleich zu Beginn:

„ Schön sind die Liebenden.“

 

Das ist so leicht gesagt, so unbeschwert behauptet, dass man sich die Wahrheit kaum anders denn in diesem Federkleid mehr denken will.

Die Welt ist komplex, hört man überall, als wäre es eine Ausrede. Marjana Gaponenko aber hält sich fern von allen Tendenzen, das rühmt Michael Hamburger an ihr. Und siehe: Es fehlt dennoch nichts.  Im Gegenteil, sie fördert eine unbedachte Tatsache nach der anderen zu Tage, wie etwa in der traumerfüllten Nachricht:

 

„Im Leib des Baumes lebt ein Boot.“ 

 

Der Text,  um den es geht,  ist deutlich und doch  undurchdringlich, wie der syrische Dichter Adonis sagt. 

„Der Grund hierfür ist, dass er eine Erfahrung vermittelt, deren Gegend das Unbekannte ist..“  Und Adonis sagt uns auch, warum das so ist: „Die Sprache kommt aus dem Universum, die Erfahrung aber kommt von außerhalb des Universums. Diese Erfahrung ist eine Vision, deren Umfang nie aufhört, sich auszuweiten.“

 

Dies unbegrenzte weite,  unbekannte Land mit bekannten, einfachen Worten  betreten. Das kann sie, das traut sie sich, die Dichterin aus Odessa, Marjana Gaponenko.